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Rede von Außenminister Heiko Maas anlässlich des Weltfrauentags 2020 im Auswärtigen Amt

03.03.2020 - Rede

Ich würde gerne gleich mit einem Thema beginnen, das auf einer Veranstaltung wie dieser selten beachtet wird: nämlich Männer.

Das mag vielleicht den einen oder anderen überraschen, aber ich fürchte, wir kommen daran nicht vorbei. Es ist übrigens ein schönes Wortspiel: Man kommt an ihnen nicht vorbei.

Ich will das deshalb tun, weil ich Sie mal bitten würde, sich mal umzuschauen, rechts und links neben Ihnen. Ich würde mal sagen, dass Sie, wenn ich mich hier so umgucke, in 80 Prozent der Fälle nicht auf einen Mann blicken. Das ist hier normalerweise anders.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

im Grunde genommen finde ich das traurig. Wir reden heute über Frauenrechte und man könnte meinen, die meisten Männer ginge das nichts an!

Wir sind hier sozusagen unter Gleichgesinnten. Wir alle hier wissen, dass Gleichstellung allen Menschen einer Gesellschaft insgesamt zugutekommt. Dass Gleichstellung gleiche Rechte und Freiheiten für alle Menschen bedeutet, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, ihrem Körper.

Aber das ist eben kein bloßes Frauenthema! Sondern es ist nichts anderes als eine der drängendsten politischen Kernfragen unserer Zeit und das ist auch außenpolitisch so.

Und deshalb bin ich zunächst einmal unserer Gleichstellungsbeauftragten, Frau Böhm, sehr, sehr dankbar, dass sie im vergangenen Jahr mit einer Veranstaltung zum Weltfrauentag etwas initiiert hat, das wir heute gemeinsam mit Ihnen fortführen wollen. Ich will auch gar nicht von Tradition sprechen,  von Traditionen sollte man in diesem Kontext wahrscheinlich ohnehin nur sehr sehr vorsichtig Gebrauch machen.

Aber ich finde in dem Falle, „Weiter so!“ und „Mehr davon!“ – das ist das, was wir uns im Auswärtigen Amt nicht nur heute, sondern in unserer täglichen Arbeit vorgenommen haben.

Denn die Frage, wie weit wir als Auswärtiges Amt beim Thema Geschlechtergerechtigkeit vorankommen, und zwar nach außen wie nach innen, definiert für mich nicht nur wie fortschrittlich wir sind im Hier und Jetzt. Sondern auch, wie erfolgreich und nachhaltig in der Zukunft.

Nur wenn wir innen das umsetzen, was wir nach außen propagieren, sind wir wirklich glaubwürdig.

Und deshalb reden wir über zwei Seiten derselben Medaille, wenn wir unser außenpolitisches Gewicht für mehr Geschlechtergerechtigkeit einsetzen und gleichzeitig intern auch immer mehr Geschlechtergerechtigkeit anstreben.

Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

Das große Interesse an der heutigen Veranstaltung und auch manch kontroverse Diskussion in den letzten Monaten hier im Haus zeigen mir, dass das Thema Gleichstellung viele von uns umtreibt.

Natürlich allen voran die Kolleginnen und Kollegen hier im Haus, die mit großer Leidenschaft an den Themen arbeiten, die in unserem Bericht „Geschlechtergerechtigkeit in der deutschen Außenpolitik und im Auswärtigen Amt“ vorgestellt werden. Sie haben letztlich diese Veranstaltung ermöglicht. Und dafür möchte ich Ihnen im Namen aller Kolleginnen und Kollegen ganz herzlich danken!

So schön es ist, dass wir in dem Bereich in den letzten Jahren einiges vorangebracht haben. Dennoch, meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist nicht mehr als ein Anfang.

Es gibt ein chinesisches Sprichwort, das sagt: „Frauen tragen die Hälfte des Himmels“.

Ich glaube, man muss aber auch sagen, sie tragen vor allem einen Großteil der Hölle.

Die häufigsten Menschenrechtsverletzungen unserer Zeit richten sich gegen Mädchen und Frauen. Wir können nicht weltweit für Menschenrechte kämpfen, ohne für die Rechte von Mädchen und Frauen zu kämpfen.

Das Herzstück unseres Engagements ist deshalb die Umsetzung der Agenda Frauen, Frieden und Sicherheit und der Sicherheitsratsresolution 1325, die alles bloß kein Papiertiger bleiben darf.

Letztes Jahr haben wir uns zu zwölf Maßnahmen verpflichtet, um die Resolution bis zu ihrem 20. Jahrestag im Oktober mit noch mehr Nachdruck voranzubringen.

Elf davon haben wir inzwischen umgesetzt oder wir setzen sie gerade um, darunter zum Beispiel geschlechtergerechte Leitlinien zu Übergangsjustiz und Sicherheitssektorreform.

Zudem werden wir alle unsere Hilfsprojekte und Konfliktanalysen künftig systematisch danach bewerten, ob und wie sie Gleichstellung und Inklusivität fördern – so wie wir das ja bereits bei unseren Projekten im Bereich der humanitären Hilfe tun.

Anfang des Jahres haben wir unsere Botschaften und Konsulate weltweit gebeten, ganz konkrete Projekte zur Förderung von Frauenrechten und Gleichstellung in Konflikt- und Post-Konfliktländern vorzuschlagen.

Und in den letzten Wochen sind bereits über 40 Vorschläge und Ideen zusammengekommen, die wir jetzt mit Leben füllen wollen.

Und ich kann Sie alle nur ermutigen, gerade auch die Kolleginnen und Kollegen an den Auslandsvertretungen: Bleiben Sie an diesem Thema dran! Lassen Sie nicht nach! Helfen Sie uns mit, nach Projekten und Initiativen zu suchen, die für dieses Thema so wichtig sind.

In Mali habe ich selbst gesehen, wie Frauen in die Versöhnungsprozesse eingebunden werden. Das unterstützen wir vor Ort durch Verhandlungstrainings und manchmal auch durch politischen Druck. Denn wir sind fest davon überzeugt: Nur so und mit diesem Weg kann es nachhaltigen Frieden geben.

Eine andere Begegnung, die ich auch nicht vergessen werde, war mein Besuch im Krankenhaus des Friedensnobelpreisträgers Dr. Denis Mukwege im Kongo. Frauen und Mädchen werden dort medizinisch und psychologisch behandelt, Überlebende abscheulichster sexualisierter Gewalt. Wenn man das sieht, dann wird einem deutlich, wie wichtig es war, dass wir im April im Sicherheitsrat eine Resolution durchgesetzt haben, die die Unterstützung der Betroffenen in Zukunft auch bei der Arbeit der Vereinten Nationen noch viel stärker in den Mittelpunkt rückt.

Gegen den Widerstand auch von Ländern, die früher eigentlich einmal Partner bei diesem Thema gewesen sind.

Wir stellen uns so gegen diesen push-back, den wir von ganz verschiedenen Seiten erleben: Von ganz erzkonservativen Gruppen, zum Beispiel aus den USA oder Brasilien. Aber auch aus anderen Weltregionen, die Frauenrechte unter dem Deckmantel von Tradition oder Religion immer weiter einschränken wollen.

Unsere Argumentation dazu muss immer ganz klar bleiben: Frauen zu mehr Einfluss und Wertschätzung zu verhelfen, ist nicht nur ein Akt der Gerechtigkeit. Es ist ein Akt politischer und auch ökonomischer Vernunft! Überall, wo Frauen eine stärkere Rolle spielen, empirisch nachgewiesen, nimmt die Neigung zu Aggressivität und Gewalt ab. Überall, wo Frauen gut bezahlt arbeiten oder eigene Geschäfte führen, lässt sich auch ökonomischer Aufschwung feststellen.

Deshalb haben wir letztes Jahr UNIDAS gegründet - ein Netzwerk von Frauen aus Deutschland und Lateinamerika. Es geht um gegenseitigen Erfahrungsaustausch, um die gezielte Unterstützung von Menschenrechtsaktivistinnen, aber auch darum, gemeinsam ein Zeichen gegen den push back zu setzen. Auch und gerade in Lateinamerika.

Und auch als Mitglied im Menschenrechtsrat wird Geschlechtergerechtigkeit einer unserer Schwerpunkte sein. Das habe ich dort gerade letzte Woche noch einmal betont.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wenn wir auf der internationalen Bühne glaubhaft dafür eintreten wollen, dann müssen auch wir uns verändern.

Ja, wir bewegen uns seit einigen Jahren in die richtige Richtung, wie ich finde. Aber trotzdem wird auch im 151sten Jahr des Auswärtigen Amtes nicht einmal jede fünfte Auslandsvertretung von einer Frau geleitet. 

Und dabei geht es nicht darum, Frauenförderung mit Frauenbeförderung gleichzusetzen.

Aber ich finde schon, dass wir uns fragen müssen, welches Signal wir nach außen senden, wenn wir allen anderen Ministerien bei der Gleichstellung immer noch hinterherhinken? Das ist die bedauerliche Realität. Und ob wir wirklich Deutschland in seiner ganzen Breite im Ausland vertreten, wenn über 50 Prozent der Bevölkerung nicht auch einen entsprechenden Anteil unserer Führungspositionen einnehmen?

Natürlich sind die Rahmenbedingungen bei uns durch die weltweite Rotation, die zahlreichen Umzüge vielleicht schwieriger als sonst. Das darf aber doch nichts an dem Anspruch ändern, ein moderner, zukunftsgerichteter Arbeitgeber zu sein, mit gleichen Chancen für Frauen und Männer.

Das fängt schon bei der Ausbildung an. Deshalb wollen wir Gleichstellung dort noch stärker verankern. Auch mit Hilfe von externen Expertinnen und Experten!

Denn Gleichstellung kommt letztlich allen Beschäftigten zu gute.

Auch Männer wollen im Jahr 2020 die Möglichkeit haben, sich um ihre Kinder oder pflegebedürftigen Eltern zu kümmern, ohne dass dies zum Karrierekiller wird.

Und deshalb sollten auch wir Männer dazu beitragen, dass Gleichstellung nicht nur ein Thema für den Frauentag ist.

Und genauso eine Gemeinschaftaufgabe ist es, unseren Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit nach außen sichtbar zu machen. Wenn ich reise, ist es mir wichtig, dass ich mit Männern und Frauen spreche. In manchen Ländern ist das gar nicht so einfach. Umso wichtiger ist es, den breiten Blick auf die Gesellschaften und den Blick der ganzen Gesellschaft auf ihr Land immer wieder einzufordern. Auch wenn das manchmal mühselig und unbequem zu sein scheint. Im Übrigen müssen wir das auch noch viel stärker in unseren Berichten und Lagebildern zum Ausdruck bringen.

Das gilt aber auch für Veranstaltungen und Konferenzen im Inland. Hier, wo wir es in der Hand haben, müssen wir dafür sorgen, dass Frauen gleichberechtig auf den Panels mitreden – nicht nur am Frauentag. Und auch nicht nur als Moderatorin! Ohne die Funktion einer Moderatorin kleinreden zu wollen.

Es gibt viele großartige Frauen und es ist auch an uns Männern gegen die Ausgrenzung von Frauen auf allen Ebenen vorzugehen!

Damit niemand sagen kann, es gäbe keine Frauen, die man für ein außen- oder sicherheitspolitisches Panel einladen könnte, unterstützt das Auswärtige Amt seit einigen Wochen das öffentliche WoX Network, eine Datenbank des Centre for Feminist Foreign Policy.

Darin finden Sie die Namen und Tätigkeitsbereiche von zahlreichen außen- und sicherheitspolitischen Expertinnen. Und diejenigen von Ihnen, die noch nicht dort drin stehen, die kann ich nur ermutigen: Melden Sie sich an!

Diese Initiative ist nicht nur nützlich bei der Planung von Veranstaltungen. Sie schafft auch ein Problembewusstsein dafür, dass es jedenfalls nicht an weiblicher Expertise mangelt, sondern allenfalls an Aufmerksamkeit.

Meine Damen und Herren,

ich weiß, dass es großen Diskussionsbedarf gibt - zu den außenpolitischen Schwerpunktsetzungen und zu den internen Veränderungen, die wir in den letzten zwei Jahren gemeinsam angestoßen haben.

Und auch darauf soll heute eingegangen werden: Ich freue mich auch darüber, dass sich so viele Kolleginnen und Kollegen bereit erklärt haben, beim „Working Brunch“ an 20 Thementischen über die Fragen zu diskutieren, die Sie und die wir uns gerade heute stellen.

Wir haben uns übrigens auch sehr bewusst dafür entschieden, den gesamten Tag für die breite Öffentlichkeit zu öffnen. Denn wir wissen, dass wir offene Baustellen haben und davon nicht zu wenige. Und deshalb finde ich es auch eine gute Idee, hier im AA ein professionelles Gender Monitoring durch Externe durchführen zu lassen. Wir sollten keine Angst vor Kritik haben, sondern sie als Ansporn nehmen, uns selbst zu hinterfragen und schauen, wo wir uns wirklich verbessern können.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

das Thema Frauenrechte taugt nicht als Selbstdarstellungsbühne!

Bei Unternehmen, die sich ein umweltbewusstes Image geben wollen, spricht man oft von „Greenwashing“.

Und beim Thema Frauenrechte kann man fast schon von „Genderwashing“ sprechen, wenn man sich anschaut, wer da aus vor allen Dingen taktischen Gründen plötzlich so alles eine Frau „in seinem Team“ haben will.

Deshalb sollte man mal eines klarmachen:

Frauen sind kein add-on!

Frauen taugen nicht als Feigenblatt!

Teilhabe, Repräsentanz, gleiche Rechte, gleiche Chancen – das sind nichts anderes als demokratische Selbstverständlichkeiten.

Wer als Mann daher wirklich etwas für Frauenrechte tun will, kann sich vielleicht einfach auf das konzentrieren, womit er sich auskennt: Männer. Es braucht nämlich auch ein progressives Selbstverständnis der Männer für eine gerechte Gesellschaft. Und dafür muss „Mann“ gar nichts aufgeben. Es genügt lediglich, seinen Verstand für das zu öffnen, was unsere Gesellschaft braucht.

Herzlichen Dank!

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